Helga Hartmann-Wall, eine passionierte Graphic Recorderin, erklärt in nachfolgendem Interview mit Katja Rehm was sich hinter „Graphic Recording bzw. Visuellem Coaching“ verbirgt. Man erfährt, wo diese Methode eingesetzt wird, welche Rolle das Schreiben mit der Hand dabei spielt und in welchem Verhältnis Zeichnen und Schreiben stehen.

Was ist „Graphic Recording“ und wofür wird es eingesetzt?

Graphic Recording ist Live-Zeichnen, analytisch, ganz sachlich, keine Karikaturen. Ich dokumentiere Workshops, zeige Argumente und Emotionen der Teilnehmer. Ich arbeite für Unternehmen, Organisationen, Ministerien – für alle, die das gemeinsam Erarbeitete sichtbar in ihre Organisation hineintragen wollen. Ein Graphic Recorder macht sichtbar, was vorgetragen, diskutiert und gedacht wird. Am Ende ist eine Veranstaltung oder ein Workshop bildlich zu sehen und nachvollziehbar. Ich liefere Erinnerungsanker für die Teilnehmer und für’s Weitererzählen an diejenigen, die nicht dabei waren und auch mitgenommen werden möchten.
 Am Ende gebe ich den Teilnehmern oft ein Feedback, erläutere wertschätzend, was mir besonders aufgefallen ist und wie ich dieses im Graphic Recording Plakat in Bildsprache übersetzt habe. Die Veranstalter und die Teilnehmer finden diesen professionellen Blick von außen auf sich selbst immer sehr spannend.

Worin liegt der Unterschied zu Sketchnoting?

Sketchnoting ist meist das Visualisieren für die eigenen Notizen, auf A4, mit hohem Bildanteil. Sketchnotig unterstützt das eigene Erinnern, Graphic Recording ist eher die Dienstleistung. Man ist quasi eine visuelle Journalistin, die zuhört und das Gehörte und Verstandene in Bildsprache bzw. Erklärbilder transferiert.

Ist es auch eine künstlerische Tätigkeit?

Oft werde ich in Veranstaltungen als Künstlerin vorgestellt, sehe mich selbst als Kommunikationsdienstleisterin und Kommunikationsberaterin. Visualisieren lebt durch hinhören, hinterfragen, die Hand entwickeln und trainieren. Mein eigener Zeichenstil reduziert das Gehörte auf das Wesentliche mit einigen emotional ansprechenden Details, die nicht ablenken, sondern unterstützen.

Wie kommt man zu diesem Beruf?

Vor ca. 20 Jahren war ich noch Strategieanalystin in Unternehmensberatungen. Ich habe viele Markt- und Wettbewerbsanalysen für Unternehmensstrategien erarbeitet. In einem Projekt habe ich zum ersten Mal von Großgruppenworkshops aus USA mit Visualisierern, „Scribes“, gehört. Silicon Valley ist auch mit Visualisierungsmethoden entstanden. Ich war sofort fasziniert davon und habe mich eingearbeitet. Graphic Recording und Facilitation kamen in dieser Zeit nach Europa. Der Facilitator agiert nicht wie ein inhaltlicher Berater, sondern aggregiert das Wissen der Beteiligten in einer Veranstaltung, einem Workshop. Seither entwickle ich kontinuierlich diesen Methodenkanon und meinen eigenen Visualisierungsstil. Eine Ausbildung zum Business Coach kam dazu und Visuelles Coaching.

Wie bereitet man sich auf einen Einsatz als Graphic Recorderin vor und wie lange dauert ein „normaler Einsatz“?

Gutes Briefing und Vorbereitung sind mir sehr wichtig. Ich muss immer wissen, wo die Teilnehmer bezogen auf das Thema in ihrer Entwicklung stehen und was die Veranstaltung bewegen soll. Auf der inhaltlichen Ebene bereite ich die Kernbotschaften vor und bleibe dann offen für das, was sich in der Situation entwickelt.

In der Regel dauert mein Einsatz vor Ort, nach der Vorbereitung, zwischen einem halben und einem ganzen Tag, es gibt auch mehrtägige Workshops. Manchmal arbeite ich nicht mit großen Papierflächen, sondern digital auf dem iPad und präsentiere das Ergebnis dann am Ende auf der Leinwand oder dem Monitor.

Wenn ein Auftrag beendet ist, was geschieht mit den von Ihnen geschaffenen Werken?

Manche Kunden hängen die Originale des Graphic Recording Plakats auf, auch die großen Formate wie z. B. 1 m x 2,50 m. Das kann im Teamraum, im Flur oder Besprechungsraum sein. Alle Kunden bekommen eine digitale Version, die auch ab A4-Größe lesbar ist. Das passt gut auf den Desktop, in die Hand und bleibt lange im Kopf.

Welchen Part spielt das Schreiben, welchen das Zeichnen und welcher ist der „wirk-mächtigere“?

Reiner Text ist schwerer merkbar, reine Bilder sind oft Bilderrätsel. Die Kombination dagegen wirkt. Bilder erreichen uns über den schnellen, emotionalen Zugang.

Verändert sich die eigene Handschrift durch das öffentliche Schreiben?

Meine Private Handschrift war schon immer gut lesbar, auch mit ihren Eigenheiten. Durch das öffentliche Schreiben kamen Impulse, eine neue Kunstschrift zu lernen. Elemente davon sind ganz von selbst in meine private Handschrift eingeflossen. So ist z. B. die Geschwindigkeit eine der größten Herausforderungen für mich beim öffentlichen Schreiben: Langsam schön gemalte Buchstaben werden unter dem Live-Zeitdruck nicht fertig. Gleichzeitig sieht schnell Geschriebenes lebendig aus.

Hat Graphic Recording im Zeitalter der Digitalisierung noch eine Chance?

Digitalisierung ist ein Megatrend für die Zukunft, auch digitales Graphic Recording – das biete ich auch an. Gleichzeitig wächst der Gegentrend: Handwerkliches Visualisieren mit Schrift und Bild auf Papier. Und wir werden in unserer sozial, technisch, ökonomisch und sich biologisch verändernden Welt immer mehr einander zu erklären haben, miteinander sprechen und Komplexes zeigen. Hier hilft Struktur plus Bild plus Text sehr. Das Bild läuft nicht weg.